Dienstags im Dom

 

Anfangs war der Erfolg noch überschaubar, längst sind sie aber Kult: die sommerlichen Orgelfeierstunden im Kölner Dom. Zwölf Mal ist die Kathedrale dann immer dienstags bis auf den letzten Platz besetzt. Wer noch einen Platz ergattern will, sollte in der Regel zeitig da sein, denn fast unabhängig von Interpret und Programm ist der Andrang zu den Orgelfeierstunden ungebrochen. Zu Spitzenzeiten sind dann gut und gerne mehr als 3000 Menschen im Dom. 

 

Davon ist ausgerechnet im Jubiläumsjahr allerdings wenig zu spüren. Die 60. Ausgabe der Orgelfeierstunden findet vor einem auserlesenen Publikum statt: nur 100 Personen ist der Zutritt vor Ort gestattet. Die Beschränkungen, die zur Eindämmung der Corona-Epidemie erlassenen wurden, lassen keine andere Wahl.

 

Wer das Glück hat, eine der verlosten Karten zu ergattern, kommt nun in den Genuss einer weitgehend leeren Kathedrale. Raumeindruck und Atmosphäre sind völlig verändert. Das ist zweifelsohne ungewöhnlich, doch liegt in der Beschränkung auch eine Chance: da die Konzerte im Internet gestreamt werden, können nicht nur 100 - oder im Normalfall einige Tausend – Auserwählte die Konzerte verfolgen, sondern via Internet viele andere auch, weltweit. Was zunächst mal eine Einschränkung ist, eröffnet somit auch neue Perspektiven, auch wenn der Eindruck vor Ort immer noch einmalig ist. 

 

Die Atmosphäre im Dom ist eben eine ganz besondere: die milde Abendsonne, die die Fenster der Kathedrale erleuchtet, das geschäftige Treiben, das Schlag 20 Uhr einer konzentrierten Ruhe weicht, und das Aufbranden des Applauses nach einem erfolgreichen Konzert – all das wird im Jubiläumsjahr anders sein. Fortgesetzt wird die traditionsreiche Konzertreihe trotz aller Widrigkeiten.

 

Angefangen hatte alles 1960, als der damalige Domorganist Josef Zimmermann die Orgelfeierstunden einführte. Zimmermann amtierte seit 1948 als Domorganist, dem Jahr, in dem auch die damals noch deutlich kleinere Querhausorgel für den noch nicht vollständig wiederhergestellten Dom eingeweiht wurde. Anfangs spielte Zimmermann alle Konzerte selbst oder zumindest den überwiegenden Teil der Konzerte. Das Repertoire umfasste mit Werken von Samuel Scheidt bis Jacques Charpentier Epochen von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik. 

 

Immer wieder zu hören waren auch Werke von Hermann Schroeder, Professor an der Kölner Musikhochschule, dessen Orgelwerke oft von Josef Zimmermann uraufgeführt wurden. Französische Komponisten waren noch nicht so prominent vertreten wie heute, dafür aber Namen wie Joseph Ahrens, Kaspar Roeseling, Georg Trexler, Heinrich Kaminski oder Heinrich Weber. Dessen Triptychon „Choral, Variations et Fantaisie sur Es führt drei König Gottes Hand“ wurde in der Orgelfeierstunde am 1. September 1964 durch Zimmermann uraufgeführt - und später als eines der ersten Werke eines deutschen Komponisten überhaupt vom französischen Verlag Leduc herausgegeben.

 

Uraufführungen gab es im Laufe der Orgelfeierstunden immer wieder: 2010, zum 50-jährigen Jubiläum etwa, bei dem mit „Matutin“ ein Werk von Robert HP Platz komponiertes Werk uraufgeführt wurde, oder 2015 als zum 2013 begangenen 150. Geburtstag des Kölner Domchores „Laetatus sum“ von Naji Hakim uraufgeführt wurde. Bei diesem spektakulären Auftragswerk war neben den Domorgeln und dem Knabenchor des Doms auch die Pretiosa-Glocke beteiligt - hörbar für ganz Köln.

 

Und ganz Köln war immer auch zu Gast, wenn sich in den 60 Jahren des Bestehens der Orgelfeierstunden die Crème de la Crème der Organistenwelt die Klinke in die Hand gab: lokale Größen wie die Kölner Kirchenmusiker Clemens Ingenhoven, Bruno Dole und Anton Zimmermann (Letzterer mit dem Domorganisten allerdings nicht verwandt) kamen ebenso wie renommierte Professoren, etwa Michael Schneider, Edgar Krapp oder Franz Lehrndorfer, um nur einmal die bekanntesten zu nennen. Aber auch internationale Topstars wie Olivier Latry, Dame Gillian Weir, Albert de Klerk und kein geringerer als der französische Meisterorganist Marcel Dupré gastierten im Dom - insgesamt waren es mehr als 250 Organisten in den 60 Jahren. 

 

Das zog ein Publikum an, das immer zahlreicher wurde. Gab es in den ersten Jahren durchaus mal die ein oder andere Orgelfeierstunde in der Marienkapelle, wäre das in späteren Jahren aufgrund des stetig wachsenden Publikumsandrangs kaum noch vorstellbar gewesen. Am 15. August 1964 etwa spielte Josef Zimmermann ebendort u.a. Buxtehude und eine Triosonate von Bach - Repertoire, das in der großen Kathedrale mit ihrer halligen Akustik sonst eher Seltenheitswert besitzt.

 

Immer mal wieder waren bei den Konzerten auch Werke für Chor bzw. kleinere Ensembles und Orgel zu hören. In den späteren Jahren dagegen ging der Trend zu reinen Orgelkonzerten. Ausnahmen, wie etwa der Auftritt der Mädchenkantorei des Kölner Domchores 2019 bei der Aufführung des Zyklus „Die Planeten“ von Gustav Holst bestätigen hier die Regel. In dem Maße, wie die Orgelfeierstunden beliebter wurden, wuchs auch das Publikum. „ Der zwölfte und letzte Abend der Kölner Orgelfeierstunden im Kölner Dom hatte die Ausmaße eines Kirchenmusikfestes: 2400 Zuhörer nahmen daran teil, vom Gastarbeiter bis zum Professor, vom Hippie bis zum Kardinal. Der im besten Sinne volkstümliche Erfolg der geistlichen Dommusik liegt offensichtlich in der kontrastreichen Werkauswahl, in der Verbindung von Qualität und Allgemeinverständnis auch bei modernen Werken, nicht zuletzt im Verzicht auf Eintrittspreise“, schrieb am 30. August 1974 die Kölnische Rundschau.

 

Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die Programme der Orgelfeierstunden sind auch unter den Nachfolgern Zimmermanns - Clemens Ganz (1985-2001) und Winfried Bönig (seit 2001) - vielfältig und bunt wie eh und je, auch zeitgenössischen Werken lauscht das Publikum hochkonzentriert. Eine mehr oder weniger große Fangemeinde gehört zum festen Kern der Orgelfeierstunden. Manche verlegen gar ihren Jahresurlaub hierfür oder reisen eigens aus weit entfernten Orten an. 

 

Menschen aus aller Herren Länder und mit völlig unterschiedlichen Hintergründen treffen sich dienstags im Dom zum Orgelhappening. Zeitweise hatten die Orgelfeierstunden fast schon einen ebensolchen Charakter, brachten viele Zuhörer doch Hocker, Campingstühle und andere Sitzmöglichkeiten mit oder säumten die Stufe zu Füßen der Chorschranke um auch den letzten freien Sitzplatz auszunutzen. Aus Sicherheitsgründen ist das heutzutage leider nicht mehr möglich, der besonderen Atmosphäre im Dom tut das jedoch keinen Abbruch.

 

Guido Krawinkel

Organisten der Orgelfeierstunden am Hohen Dom zu Köln

1960-2020


Die Domorganisten

Josef Zimmermann

von 1960-1962 spielte Josef Zimmermann alle Konzerte

Clemens Ganz

Wilhelm Precker

Ulrich Brüggemann

Winfried Bönig

Die Gäste

Frederick Swann 

Markus Eichenlaub 

Gerhard Gnann 

Jean Guillou 

Wolfgang Seifen 

Livia Mazzanti 

Thierry Escaich 

Daniel Roth 

Hans-Dieter Möller 

Thierry Mechler 

Martin Bambauer 

Markus Willinger 

Franz Josef Stoiber 

Margareta Hürholz 

Josef Still 

Thomas Schmitz 

Ian Tracey 

John Scott 

Massimo Nosetti 

Esteban Elizondo 

Willibald Guggenmos 

Bruno Dole 

Andreas Meisner 

David Pizarro 

Bernd Kämpf 

Mareile Schmidt 

Paul Wisskirchen 

Justin Bischof 

Clemens Reuter 

Thomas Lennartz 

Clemens Ingenhoven 

Sophie-Véronique Cauchefer-Choplin 

Johannes Viehöver 

Mattias Wager 

Benjamin Saunders 

Raimund Keusen 

Heinrich Korte 

Theodor Holthoff 

Joachim Riepen 

Horst Weißenberger 

Peter Wery 

Hilde de Bondt 

Gerda Schaarwächter 

Josef Gerstenengst 

Klaus German 

Hans Haselböck 

Martin Lücker 

Jean Langlais 

Krsztof Latala 

Herbert Rafflenbeul 

Karl Heinrich Hodes 

Aya Yoshida

Ulrich Schlabertz

Mario Peters

Gaston Litaize

Joachim Dorfmüller

Thomas Sauer

Christoph Schömig

Maire-André Morisset-Baliet

André Manz

Heribert Klein

Michael Veltmann

Rudolf Ewerhardt

Wolfgang Stockmeier

Viktor Lukas

Michael Schneider

Wolfgang Klein

Stefan Palm

Paul Damjakob

Alessandro Bianchi

Adolf Fichter

Hans Leitner

Bruno Eberhard

Wieland Meinhold

Almut Rössler

Olivier Latry

Carlo Hummel

Ignace Michiels

Rudolf Innig

István Koloss

Martin Baker

Anton Zimmermann

Manfred Lexis

Helmuth Peters

Bernhard Buttmann

Jürgen Essl

Matthias Jacob

Stephen Tharp

Vincent Dubois

Ekaterina Melnikova

Ullrich Böhme

Stefan Schmidt

Francesco Finotti

José Enrique Ayarra

Heinz Balli

Colin Walsh

Philippe Levebrve

Ansgar Wallenhorst

Silvio Celeghin

David Briggs

Björn Andor Drage 

Jörg Josef Schwab

David Sanger

Albert de Klerk

Immo Schneider

Manfred Sistig

Oleg Jantschenko

Valeri Rubacha

Irmtraud Krüger

Ludger Lohmann

Ralph Paland

Volker Giefert

Ina Bargen

Hans-Jürgen Kaiser

Luigi Benedetti

Gerhard Weinberger

Michael Gassmann

Hans-Otto Jacob

Heidi Emmert

Hans-André Stamm

Harald Jüngst

Franz Lörch

Norbert Richtsteig

Michael Felix

Luba Schischchanowa

Andreas Arand

Walther Gleißner

Michael Matthes

Wolfgang Bretschneider

Viktor Scholz

Marcel Dupré

Josef Bucher

Martin Winkler

Robert Liebrand

Stephan Kümmeler

Bernard Bartelink

Stephan Wehr

Dame Gillian Weir

Philip Crozier

Giampaolo di Rosa

Eberhard Lauer

Gereon Krahforst

Edgar Krapp

Vaclav Ovcacik

Hördur Askelsson

Christiane Strucken

Kyong Sun Woo

Harduin Boeven

Christoph Kuhlmann

Otto Depenheuer

Wolfram Rehfeldt

Matthias Giesen

Alexander Fiseisky

Olivier Eisenmann

Manfred Brandstetter

Daniel Zaretsky

Rudolf Meyer

Thomas Dahl

Jean-Christophe Geiser

Roman Krasnovsky

Peter Dicke

Eduard Schmitz

Karl Raas

Wolfgang Radermacher

Gudrun Schwan

Paul Heuser

Hans-Josef Roth

Domingo Lasada

Tomasz Adam Novak

Kurt Wiklander

Martin Herchenröder

Ben van Oosten

Daniel Beckmann

Andreas Jost

Roman Perucki

Andreas Sieling

Elisabeth Zawadke

Iveta Apkalna

Michael Hoppe

Robert Quinney

Samuel Kummer

Jürgen Wolf

Ruben Sturm

Isabelle Demers

Naji Hakim

Hansjörg Albrecht

Roger Sayer

Ludwig Ruckdeschel

Peter van de Velde

Andreas Jetter

Christoph Schoener

Christian Iwan

Ian Hockley

Tobias Aehlig

Konstantin Reymaier

Hans-Ola Ericsson

Johann Vexo

Zuzana Ferjencikova

Daniel Cook

Otto Maria Krämer

Henry Fairs 

Thomas Ospital

Christian Schmitt

Magne Draagen

Matthias Mück

Johannes Trümpler

Roberto Marini

Arturo Barba

Marcel Ober

Jean-Baptiste Robin

Kay Johannsen

Jean-Baptiste Dupont

Matthias Maierhofer

Jan Hage

Gerard Brooks

Andreas Liebig

Baptiste-Florian Marle-Ouvrard

Christopher Stokes

Karol Mossakowski

Dan Zerfass

Jos van der Koy

Hannfried Lucke

Gianluca Libertucci

Simon Johnson

Sebastian Küchler-Blessing

David Franke

Andreas Fischer

Daniel Glaus

Juan de la Rubia

Silvius von Kessel

Wolfgang Baumgratz

Roucher du Toit

Martin Schmeding

Alessio Corti

Holger Gehring

Johannes Unger

Johannes Michel Anthony Halliday

Margaret Chen

Johannes Skudlik

Peter King

Pierre Pincemaille

Johannes Geffert

Franz Lehrndorfer

Andrzej Chorosinski

Nicolas Kynaston

Peter Planyavsky

Reiner Schuhenn

Hans Jürgen Scholze

Jürgen Kursawa

James O`Donnell